Wie die Tabakindustrie Studien erfindet
Der Fall Rylander, oder wie die Tabakindustrie "Wissenschaftliche"
Studien erfinden lässt.
Zwischen den hunderten von Studien, die jeweils von unabhängigen Forschern
publiziert werden und einhellig die Gefährlichkeit des Rauchens- und Passivrauchens
beweisen, taucht immer mal wieder eine auf, die aus der Reihe tanzt. Wie das
möglich ist? In vielen (um nicht zu sagen allen) Fällen handelt es
sich um Betrug. Ein solcher Fall ist vor ein paar Jahren in der Schweiz aufgeflogen:
Der Fall Rylander
Ragnar Rylander war Professor an der Medizinischen Fakultät der Universität
Genf. Er bezweifelte öffentlich die Schädlichkeit des Passivrauchens,
vergass dabei aber zu erwähnen, dass er von Philipp Morris schlappe 150'000
Franken pro Jahr für schlappe zwei Tage Arbeit pro Monat zugesteckt bekam.
Dafür erwartete der Konzern unter anderem, dass Rylander den Schäden
des Passivrauchens mit "gesunder Skepsis" begegne. Weil diese Schäden
seit Ende der Siebzigerjahre wissenschaftlich nicht mehr zu leugnen sind, sollten
Zusammenhänge vernebelt, kritische Untersuchungen diffamiert und andere
Ansichten der Tabakindustrie als unabhängige Meinung ausgegeben werden.
Als diese Tatsache aufflog, begann die Universität Genf seine Arbeit auf
wissenschaftliche Integrität zu untersuchen. Präventionsspezialisten
bezichtigten Rylander des Betrugs. Das Bundesgericht hat schlussendlich bestätigt,
dass Rylander ein Betrüger ist.
Aufgrund firmeneigener Dokumente lässt sich nachweisen, wie Rylander
zusammen mit dem Tabakkonzern wissenschaftliche Kongresse über das Passivrauchen
organisierte, bei denen kritische Fachleute entweder nicht eingeladen oder von
instruierten Fragestellern attackiert wurden. Wie die Anwälte des Tabakunternehmens
die Schlussfolgerungen dieser zwei Kongresse mitredigierten und in der Folge
als Einschätzung unabhängiger Forscher mehrtausendfach verbreiten liessen.
Als Betrüger wird Rylander deshalb bezeichnet, weil der Forscher seine
Arbeitgeber inoffiziell vor genau jenen gesundheitlichen Folgen warnte, die
er öffentlich herunterspielte. Zudem war er sehr darum bemüht, wie er noch 1997
in einem Brief an Philip Morris schrieb, «so weit als möglich das Image eines
unabhängigen Wissenschafters» aufrechtzuerhalten. Rylander, sagt ein Vertreter
der Gegenseite, «war mit der öffentlichen Gesundheit verheiratet und hat diese
mit der Tabakindustrie betrogen».
Dass dieser faustdicke Skandal vergleichsweise wenig Medieninteresse erweckt
hat, wirft die Frage nach der Unabhängigkeit der Medien (wieder einmal)
auf.
Quellen:
Tages-Anzeiger; 24.04.2002, Communiqué de presse, Affaire Rylander: l'Université
de Genève tire ses conclusions, Genève, le 20 décembre
2002. www.unige.ch/presse/communique/02-03/1220rylander.html
Nichtraucherschutz Schweiz.
Wir wollen zusammen die Rechte der Nichtraucher und Passivraucher ausbauen.