Die Tabak-Festung

FACTS 45/2003 6.11
Für die Zigarettenindustrie ist die Schweiz ein Paradies. Ob Werbeverbot Passivrauchen oder Prävention: In keinem anderen Land hat die Tabaklobby so viel Einfluss.
Von Leo Ferraro Mitarbeit: Lisa Stadler

Wer mit dem Wagen durch die jurassischen Dörfer bei Delémont fährt dem springt die Silhouette des 1400-Seelen-Dorfes Boncourt in die Augen. Wo andernorts Kirchtürme stehen ragen in dem Flecken zwei gigantische Quader in den Himmel: überlebensgrosse Zigarettenpackungen der Marken Barclay und Parisienne.

Die Skyline des Dorfes in dem British American Tobacco (BAT) jährlich zehn Milliarden Zigaretten für Raucherlungen in aller Welt produziert hat Symbolkraft. Die Schweiz ist so etwas wie die letzte Festung einer Branche die weltweit auf der Flucht ist: vor Gesundheitspolitikern und Steuerbeamten Konsumentenschützern und den lebensgefährlichen Schäden die ihre Produkte bei den Kunden verursachen.

Neben BAT haben die Branchenführer Philip Morris (Marlboro) und JT International (Camel) die grössten Zentralen ausserhalb der USA in der Schweiz angesiedelt. Weltweit setzt das Trio Grande 150 Milliarden Franken pro Jahr (Schweiz: 3 3 Milliarden) um das Dreifache des Schweizer Bundesbudgets. Allein 4000 Menschen leben von der Produktion der Glimmstängel von denen hier zu Lande jährlich 14 2 Milliarden geraucht werden – Rekord in Westeuropa.

Was die Schweiz so attraktiv macht für die verfemte Branche sind nicht die Raucher. Eine extrem liberale Tabakgesetzgebung grosses Verständnis für die Sorgen einer Industrie die anderswo längst Gegenwind bekommt sind die entscheidenden Standortfaktoren. Der Zigarrenfirmenspross Kaspar Villiger der bis jetzt an den für die Tabakindustrie entscheidenden Schaltstellen der Macht sass kennt sowohl die finanzpolitischen Interessen der Branche als auch deren schwieriges Image. Ein idealer Begleitumstand für die Tabaklobby.

Mit Villigers Unterstützung avancierte die Schweiz zum internationalen Kernland einer Branche die nicht nur wegen der individuell und volkswirtschaftlich verheerenden Folgen ihrer Produkte ins Abseits geraten ist. Wie kein anderer Zweig der Genussmittelindustrie manövrierten sich Tabakfirmen mit umstrittenen Geschäftspraktiken in ein mafioses Zwielicht. Seit einzelne US-Bundesstaaten in den Neunzigerjahren die grössten Tabakfirmen gerichtlich zur Offenlegung von Dokumenten zwangen ist die Branche in Verruf.

  • Schmuggel- und Geldwäschereiverdacht: Eine in New York deponierte EU-Klage wirft den Konzernen illegalen Handel mit Zigaretten vor. RJ Reynolds soll Tabakwaren an kriminelle Organisationen verkauft und damit einen jährlichen Steuerschaden von sieben Milliarden Franken verursacht haben.
  • Verfälschung von Forschungsergebnissen: Der schwedische Professor Ragnar Rylander modifizierte im Auftrag seiner heimlichen Geldgeber aus der Tabakindustrie Daten einer Untersuchung über Atemwegserkrankungen bei Kindern damit kein Zusammenhang zum Passivrauchen hergestellt werden konnte.
  • Ignoranz: Jahrelang leugnete die Branche die Schädlichkeit des Rauchens und verheimlichte wissenschaftliche Erkenntnisse. Wider besseres Wissen wurden «milde» Zigaretten als «gesünder» vermarktet.
  • Unterdrücken von Dokumenten: Seit drei Wochen muss BAT in den USA täglich 25'000 Dollar Strafgeld bezahlen. Grund: Das Unternehmen weigert sich Dokumente herauszurücken die beweisen könnten dass BAT vorsätzlich Risiken des Rauchens verschleiert und belastende Beweismittel vernichtet hat.

Bald könnte die Branche auch in der Fluchtburg Schweiz unter Druck geraten. Im Zuge der weltweiten Verschärfung der Tabakgesetzgebung wollen Behörden einen strengeren Umgang mit dem blauen Dunst durchsetzen. Kernpunkte: Werbeverbot Verkaufsverbot an Jugendliche und ein wirksamer Schutz der Nichtraucher vor Passivrauchen sprich Rauchverbot in öffentlich zugänglichen Räumen wie Restaurants Bahnhöfen sowie am Arbeitsplatz. Ziel des vom Bundesrat abgesegneten «nationalen Programms zur Tabakprävention 2001 bis 2005» des Bundesamtes für Gesundheit (BAG): Der Glimmstängel-Konsum soll sinken.

Zwar ist als erster Schritt eine Totalrevision der Tabakverordnung in der Vernehmlassung. Doch schon hat die Tabaklobby ihre Topleute aktiviert: Am Dienstag sprachen Dieter Schulthess Chef von Philip Morris BAT-Chef Simon Smith Milos Nikolsky Geschäftsführer von JT International und Edgar Oehler Präsident des Zigarettenindustrieverbands bei Bundespräsident und Gesundheitsminister Pascal Couchepin vor. Ihre Absicht: gegen die neue Verordnung zu lobbyieren.

Dabei geht es zunächst um Kleinigkeiten: EU-Richtlinien etwa betreffend grösserer Warnaufschriften auf den Packungen sollen übernommen Begriffe wie «mild» oder «light» verboten werden weil sie suggerieren es gebe gesündere und weniger gesunde Zigaretten. «Ein Verbot dieser Begriffe» mault Verbandschef Oehler greife «in die Rechte an geistigem Eigentum ein».

Empfindlich reagieren die Tabakchefs auf die Absicht Teerstoffe auf 10 mg und Nikotin auf 1 mg pro Zigarette zu begrenzen – und fahren entsprechendes Geschütz auf. «Es müssten etwa 1000 direkt mit der Produktion verbundene Stellen gestrichen werden» drohen die Tabakfirmen in der Vernehmlassungsantwort.

Es könnte noch schlimmer kommen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fordert Werbeverbote verbindliche Altersgrenzen für Raucher und Schutz vor Passivrauchen. Im letzten Frühling verabschiedete sie einstimmig eine Anti-Tabak-Konvention rund 80 Staaten haben das Abkommen unterzeichnet die Schweiz nicht. «Wir liegen» ärgert sich BAG-Direktor Thomas Zeltner ranghöchster Vertreter der Schweizer Delegation bei der WHO «bei der Umsetzung der geforderten Massnahmen deutlich im Hintertreffen.»

Gute alte Tabak-Schweiz. Dabei sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache. Jede Stunde stirbt ein Mensch an den Folgen seines Tabakkonsums – das sind über 8000 Tote pro Jahr und rund 13 Mal so viele wie im Strassenverkehr. Hinzu kommen jährlich 16'000 IV-Fälle. Das BAG schätzt die volkswirtschaftlichen Kosten des Rauchens auf jährlich rund 10 Milliarden Franken. Im Vergleich dazu nehmen sich die 1 7 Milliarden Franken welche die Schweizer Raucher pro Jahr via Tabaksteuer in die Kassen der AHV spülen bescheiden aus.

Und die nächste Abwehrschlacht der Tabaklobby hat schon begonnen: der Streit um die Schädlichkeit des Passivrauchens.

Wissenschaftliche Studien haben eindeutig ergeben dass auch Passivrauchen eine grosse Gefahr für die Gesundheit darstellt. Und das Beispiel USA hat gezeigt dass Tabakprävention eine nachhaltige Wirkung erst entfalten kann wenn auch die Nichtraucher geschützt werden.

Eine aktuelle BAG-Studie zeigt dass ein Viertel der Nichtraucher im Schnitt während mindestens einer Stunde pro Tag dem Passivrauchen ausgesetzt sind – in Gaststätten und am Arbeitsplatz aber auch in öffentlichen Verkehrsmitteln oder im privaten Bereich. In Bars und Restaurants sind fast neun von zehn Nichtrauchern dem Tabakrauch ausgesetzt wobei rund zwei Drittel der Betroffenen den blauen Dunst als starke Belästigung empfinden. Nichtraucher beginnen auf rauchfreie Luft zu pochen.

Dass Raucher faktisch eine Körperverletzung in Kauf nehmen wenn sie Nichtraucher zum Mitrauchen zwingen ist zwar durch wissenschaftliche Untersuchungen bewiesen. In einer Hochglanzbroschüre der Vereinigung der Schweizerischen Zigarettenindustrie (CISC) liest sich das aber so: «Passivrauchen: Ein neuer Sündenbock geht um die Welt. Im Unterschied zum Tabakrauch sind zahlreiche die Luft belastende Stoffe weder sichtbar noch riechbar. Es ist also wenig weitblickend den Tabakrauch zu bekämpfen und zu glauben die Luftqualität würde dadurch wesentlich verbessert.» Die Schädlichkeit des Passivrauchens sei nämlich nicht erwiesen sondern eine «unzulässige Schuldzuweisung» und «Angstmacherei».

Wie Tabak-Multis versuchen die Wahrheitsfindung zu behindern hat die Basler Professorin Ursula Ackermann-Liebrich Leiterin des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin erfahren. Die Medizinerin ist die treibende Kraft hinter der so genannten Sapaldia-Studie in deren Rahmen mit 9000 Freiwilligen die Auswirkungen von Passivrauchen untersucht und dessen Schädlichkeit nachgewiesen wird. «Die Tabakindustrie hat sich sehr stark gewehrt gegen diese Resultate – auf zwei Ebenen: Sie versuchte unsere wissenschaftliche Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen und es gab Interventionen beim Nationalfonds die zum Zweck hatten uns als Wissenschaftler zu diskreditieren und unsere Geldquelle zu stoppen» sagt Ackermann. CISC-Präsident Edgar Oehler kontert: «Von gewissen Kreisen wird das Thema Passivrauchen zum Politikum gemacht bei dem Halb- und Unwahrheiten verbreitet werden.»

Die Lobbyarbeit zahlt sich aus. Die Schweiz ist auch eine der letzten Bastionen wenn es um die Verharmlosung des Passivrauchens geht. Weltweit steigt der Widerstand gegen den unfreiwillig eingeatmeten Rauch. Ob in New York oder Hamburg – längst sind Rauchverbote an öffentlich zugänglichen Orten durchgesetzt. Selbst im Raucherland Italien ist es mittlerweile verboten sich im Römer Olympiastadion zum Fussballspiel eine Zigarette anzustecken. Und Irland hat seinen trinkfesten Pub-Besuchern das Indoor-Rauchen untersagt.

Und die Schweiz? Von Nichtraucherschutz keine Spur. «Auf Bundesebene gibt es ausser beim Arbeitsrecht noch keine Möglichkeit das Rauchen in öffentlich zugänglichen Räumen zu verbieten» sagt BAG-Jurist Thomas Schuler. Ein Rauchverbot in Restaurants und Bars ist noch immer ein unerfüllter Nichtraucher-Traum. Denn auch der Branchenverband Gastrosuisse wehrt sich gegen rauchfreie Gaststätten weil er Umsatzeinbussen befürchtet. Eine räumliche Trennung sei in den meisten Restaurants schon wegen der Grössenverhältnisse unmöglich. Von 25'000 Gaststätten sind gemäss Online-Verzeichnisder Lungenliga Zürich (http://www.eat-smokefree.ch/) nur etwa 100 rauchfrei.

Stattdessen predigt der Wirteverband gegenseitige Rücksichtnahme und offeriert den Mitgliedern im Rahmen der Kampagne «Toleranz und Lebensfreude» Schilder zur Kennzeichnung der Raucher- und Nichtrauchertische sowie Türkleber. Partner der Aktion: die Vereinigung der Schweizerischen Zigarettenindustrie mit ihren drei Mitgliedern Philip Morris British American Tobacco und JT International.

Dass sich die Tabakindustrie im Kampf gegen das Rauchverbot in Restaurants und Hotels mit dem Gastgewerbe einen starken Verbündeten gesichert hat passt zur Branche wie BAG-Präventivmediziner Chung-Yol Lee in einer Studie über «die erfolgreiche Beeinflussung der Tabakpolitik in der Schweiz durch die Tabakindustrie» herausgefunden hat. Lees Fazit: «In der Schweiz unterschätzen die meisten Leute des Gesundheitswesens die Macht und den Einfluss der Tabakindustrie auf Beamte Politiker und andere Entscheidungsträger.» Durch gezieltes Lobbying verhindere die Branche immer wieder eine Verschärfung der Tabakgesetzgebung.

Schützenhilfe bekommt die Tabakindustrie seit Jahren von Bundesrat Kaspar Villiger. Gemäss der Fachstelle für Gesundheitspolitik mit ihren Trägerorganisationen Arbeitsgemeinschaft für Tabakprävention Lungenliga Krebsliga Fachstelle für Alkohol und andere Drogenprobleme Gesellschaft für Prävention und Gesundheitswesen trat Villiger immer wieder auf die Bremse wenn es um die Erhöhung der Tabaksteuer ging. Als Finanzminister habe er erfolgreich die Tabakprävention des BAG erschwert indem er das entsprechende Budget reduziert habe für 2004 beispielsweise um 73 Prozent rechnet die Fachstelle vor.

Kippen will die Tabaklobby auch das geplante Werbeverbot für Tabakprodukte ein weiterer Präventionsbaustein der WHO. Zwar beschloss die Nationalratskommission für soziale Sicherheit und Gesundheit letzte Woche mit 12 zu 7 Stimmen das Parlament möge «ein Verbot der Tabakwerbung nach europäischem Vorbild ernsthaft prüfen». Doch die Gegner des Werbeverbots haben längst mobil gemacht. Für Produkte die frei im Handel erhältlich sind müsse geworben werden dürfen. Daran ändere auch das soeben von den EU-Ministern beschlossene Tabak-Werbeverbot nichts argumentiert die mächtige «Allianz gegen Werbeverbote». Ihr gehören 21 grosse Verbände an von B wie Bauernverband über E wie Economiesuisse bis V wie Verband Schweizer Presse.

Die Tabakindustrie bekämpft das drohende Werbeverbot mit einer Strategie die ihr und anderen Branchen schon oft geholfen hat: Selbstregulierung heisst das Zauberwort. In einer Vereinbarung zwischen der Tabakindustrie und der Schweizerischen Lauterkeitskommission einer Aufsichtsinstanz der Werbebranche verpflichten sich die Zigarettenproduzenten zu Selbstbeschränkungen um zu belegen dass die geltende Gesetzgebung ausreicht. Nur: Die Tabakmultis nehmen es mit ihren eigenen Vorschriften nicht sehr genau.

Ein Beispiel: «Untersagt sind Plakate im Umkreis von weniger als 100 Metern von einer wesentlich von Jugendlichen besuchten Schule» heisst es in der Vereinbarung. Die Lungenliga machte die Probe aufs Exempel und kontrollierte in den Kantonen Bern Schaffhausen Schwyz und Thurgau alle Schulhäuser. Resultat: In mehreren Dutzend Fällen standen grossformatige Tabakplakate im Abstand von 0 bis 80 Metern zu den Schulhäusern. Bei der Wirtschaftsinformatikschule Wiss in Bern ist ein grosser Prismawender direkt am Schulhaus angebracht. Und in Weinfelden TG laden an der Primarschule Martin Haffter gleich drei weltformatige Plakate zum Paffen ein.

Zwar investiert die Tabakindustrie zurzeit in die Präventionskampagne «Nichtrauchen ist cool» die sich an Jugendliche richtet. Aufgestellte junge Leute die auffallend den Mannequins aus der Zigarettenwerbung ähneln lachen von Plakatwänden. Kommunikationsprofis bezeichnen die Kampagne als Scheinprävention übermittelt sie doch die Botschaft: «Stopp rauchen ist Erwachsenensache!» Eltern wissen: Das ist der sicherste Weg damit Jugendliche damit anfangen. Tatsächlich werden die Raucher immer jünger. Der Anteil der jugendlichen Raucher steigt gemäss BAG von 6 Prozent bei den 14-Jährigen auf 25 Prozent bei den 15- bis 16-Jährigen 36 Prozent bei den 17- bis 18-Jährigen und auf 41 Prozent bei den 19- bis 20-Jährigen.

Gut fürs Geschäft: Inklusive Anbau und Handel schafft der Tabak in der Schweiz mehr als 10'000 Arbeitsplätze und bringt der AHV via Tabaksteuern 1 7 Milliarden Franken ein. Auch der Tabakanbau der fünf Prozent des Bedarfs der Industrie deckt ist nur dank den Subventionen aus der Tabakindustrie überlebensfähig.

329 Schweizer Bauern pflanzen auf 647 Hektaren 1500 Tonnen Tabak an – ohne unternehmerisches Risiko. Die drei grossen Firmen verpflichten sich die gesamte Ernte aufzukaufen. Zusätzlich speisen die Multis beziehungsweise die Raucher mit 2 6 Rappen pro Paket den so genannten Sota-Fonds zur Förderung des einheimischen Tabakanbaus. So kommen jährlich 18 Millionen Franken zusammen die an die Bauern verteilt werden: Aus dem Sota-Fonds erhalten die Tabakbauern pro Hektar und Jahr 27'800 Franken. Hinzu kommen 1200 Franken Direktsubvention pro Hektar die der Bund für den Boden auf dem Tabak angebaut wird bezahlt. «Der Tabak selbst wird aber nicht subventioniert» wiegelt Philippe Herminjard vom Bundesamt für Landwirtschaft ab.

Im Vergleich zu den Tabakbauern wird für die Prävention wenig ausgegeben: ganze 6 8 Millionen Franken waren es im laufenden Jahr. Um dem Sota-Fonds ein Pendant gegenüberzustellen ging das Parlament im Frühling auf einen Vorschlag des Bündner FDP-Nationalrats Duri Bezzola ein. Ein gleicher Fonds wie für die Tabakbauern also 2 6 Rappen pro Päckli solle auch für die Prävention geschaffen werden.

Einer war einmal mehr dagegen: Bundesrat Villiger.

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Schleichende Schädigung

Passivrauchen erhöht das Krebsrisiko und stört die Entwicklung von Kindern. Jedes Jahr sterben in der Schweiz 500 Menschen daran.

Vieles läuft über die Schweiz

Im Milliardengeschäft Schmuggel kennen Tabakkonzerne und kriminelle Organisationen keine Berührungsängste.
Von Martin Stoll

Champagner und Feuerwerk zum Sonnenuntergang. In gediegener Atmosphäre trifft sich alljährlich Ende Oktober in Cannes die Taxfree-Branche. An der Jahresmesse des Branchenverbandes TFWA (Taxfree World Association) geben sich Zigarettenproduzenten Alkoholika-Händler und Dutyfreeshop-Betreiber ein gemütliches Stelldichein. Doch im Schatten des glamourösen Events – bis heute nur in Ermittlerkreisen bekannt – treffen sich auch Zigarettenschmuggel-Bosse und Manager von Tabakkonzernen.

In den Salons und Hinterzimmern der Luxushotels wird vereinbart wer nächstes Jahr wie viel Schmuggelzigaretten bekommt und zu welchem Preis. Das heimliche Gipfeltreffen ist der wichtigste Jahresanlass des illegalen Tabakhandels – ein immer brutaleres hoch lukratives Mafiageschäft in das Drogenbarone Terrororganisationen und Bürgerkriegsparteien involviert sind.

Bis heute stellen Zigarettenproduzenten in Abrede dass sie mit dem Schmuggel von Zigaretten etwas zu tun haben. Doch die Betrugsermittler der Europäischen Union (EU) wollen inzwischen beweisen können dass die Tabakkonzerne den illegalen Handel mit Zigaretten – jährlicher Steuerschaden sieben Milliarden Franken – gezielt fördern. In einer in New York deponierten Klage wirft die EU namentlich dem Tabakkonzern RJ Reynolds vor Zigaretten an kriminelle Organisationen zu verkaufen. Mehr noch: Der Konzern setze Zigarettenschmuggel als Geschäftsstrategie ein Schmugglerbanden würden gezielt auf interessante Märkte angesetzt.

Um den Schmugglern die Abwicklung der Geschäfte zu erleichtern habe die inzwischen von Japan Tobacco International (JTI) übernommene Reynolds sogar die Firmenstrukturen angepasst. «Filialen wurden an Orten geschaffen die bekannt sind für ihr Bankgeheimnis zum Beispiel in der Schweiz» behaupten die EU-Betrugsermittler. «In der Schweiz wird der Zigarettenschmuggel organisiert und finanziert. Hier sitzen die Profiteure» sagt auch der deutsche Oberstaatsanwalt Hans-Jürgen Kolb der intensiv gegen Schmugglerbanden aus dem Balkan ermittelt hat.

Fakt ist dass die Tessiner Firma Intercambi S. A. während Jahren als Zahlstelle der Schmuggler funktionierte. Zum Geldwasch-System das laut EU-Klage vom Tabakproduzenten RJ Reynolds konstruiert worden sei gehörten auch Geldkuriere Bankbeziehungen und Tarnfirmen. 550 Tarnfirmen viele davon in der Schweiz hat allein Staatsanwalt Kolb in seinen Ermittlungen gegen die Montenegro-Connection lokalisiert. Über dieses Untergrundsystem – vermuten Ermittler – würden auch die Erlöse aus Drogengeschäften gewaschen. Kolumbianische Kokainkartelle und Heroinbarone des Nahen Ostens könnten sich bei Tabakmultis mit Schmuggelware eindecken und so schmutziges Drogengeld ein erstes Mal waschen.

Zu den Begleiterscheinungen des Zigarettenschmuggels gehört die Korruption. Einen Teil ihres Profits – ein einziger Lastwagen mit Schmuggelzigaretten bringt 1 5 Millionen Franken – setzten die Schmuggler ein um die verbotenen Geschäfte abzusichern. So wurde im Mai 2002 Franco Verda Ex-Richter und Präsident des Tessiner Strafgerichts wegen mehrfacher passiver Bestechung verurteilt. Er soll Schmuggelboss Gerardo Cuomo begünstigt und von ihm über eine Million Franken Bestechungsgelder angenommen haben. Auch der Ex-Chef der Kriminalpolizei Chiasso Leonardo Ortelli stand auf der Lohnliste einer Schmugglerbande. Für Informationen über Hausdurchsuchungen und Haftbefehle kassierte er 370'000 Franken.

Unbestechliche Ermittler hingegen leben gefährlich. So fand die Polizei im Büro eines Schmuggelpaten in der Schweiz ein Personendossier über den deutschen Staatsanwalt Kolb. Die Mafiapaten hatten sich neben Fotos vorsorglich auch persönliche Angaben und die Adresse des Ermittlers beschafft.

Polizei jagt paffende Bar-Besucher

In den USA wird die Schraube angezogen: Auch unter freiem Himmel soll es Rauchverbote geben. Und sogar im eigenen Haus droht Nikotinbann.
Von Andreas Bucher

Das Uno-Hauptquartier in Manhattan war das letzte öffentliche Gebäude im sonst rauchfreien New York aus dem die Süchtigen nicht ins Freie verbannt wurden. Doch diesen Sommer erklärte Generalsekretär Kofi Annan das Rauchverbot solle auch am Sitz der Vereinten Nationen gelten. Dafür sprächen nicht zuletzt die Versicherungskosten für das Gebäude das noch nicht mit einer Sprinkler-Anlage ausgestattet ist.

Kettenraucher wie Russlands Botschafter Sergei Lavrow protestierten: «Annan kann vielleicht seinen Angestellten vorschreiben was sie zu tun und zu lassen haben doch er kann die Diplomaten nicht vom Rauchen abhalten. Das Gebäude gehört allen Mitgliedstaaten. Der Generalsekretär ist nur ein angestellter Manager.» Renitente Diplomaten: Das Rauchverbot von Kofi Annan wird kaum beachtet an der Uno-Delegiertenbar wird immer noch geraucht – nur dass dort jetzt ein paar Verbotsschilder hängen.

Immerhin erlaubt die Uno den Zigarettenkonsum unter freiem Himmel in genau definierten Zonen ihres Hoheitsgebiets – im Gegensatz zu etlichen New-Yorker Privatfirmen die aus Gründen der Gesundheit und der Produktivität am Arbeitsplatz den Tabakkonsum auf ihrem Firmengelände auch im Freien verbieten. Der Versicherer New Jersey Manufacturers Insurance etwa kontrolliert regelmässig ob die Angestellten auf den betriebseigenen Parkplatz schleichen um dort ihr Nikotinmonster heimlich zu füttern. «In erster Linie möchten wir die Nichtraucher vor dem Passivrauchen schützen wir wollen aber auch die Raucher zum Aufhören oder zur Reduktion ihres Konsums ermutigen» sagt ein Sprecher der Firma.

Die New-Yorker nehmen die Gefahren des Passivrauchens sehr ernst. Selbst das heilige Innere des eigenen Autos soll nicht tabu bleiben: Ein Gesetz ist in Vorbereitung welches das Rauchen in Autos verbieten soll wenn Kinder drinsitzen. Auch über den Preis soll es den Rauchern an den Kragen gehen. Die «New York Times» berichtet von Drogenhändlern in Harlem die von Marihuana und Kokain auf den Deal mit geschmuggelten oder gestohlenen Zigaretten umgestiegen sind: Bei offiziellen Preisen von neun Franken und mehr pro Schachtel können Schwarzhändler bis zu 150 Dollar pro Tag verdienen. Das ist weniger als die Gewinnspanne bei illegalen Drogen dafür sind die Strafen (noch) weit geringer.

Auch anderswo wird durchgegriffen. Universitäten im ganzen Land weiten ihr Rauchverbot über die Gebäude hinaus und bestimmen zusätzliche «Sicherheitszonen» vor den Hauseingängen. In Kalifornien Pionierstaat der Prohibition gilt das Rauchverbot in Restaurants und Bars schon lange und wird mit eigens dafür abgestellten Polizeieinheiten überwacht. Jetzt verlangen die Rauchgegner eine Ausdehnung des Verbots auf stark frequentierte öffentliche Strände. Und in Florida versuchen Barmixer ihre Klientel mit einem «Nicotini» am rauchfreien Tresen zu halten – ein Drink auf der Basis von Wodka der mit Tabakblättern angereichert wurde.

Den Süchtigen sollen nur noch die eigenen vier Wände als Ort der Giftzufuhr übrig bleiben – es sei denn der Nachbar klagt gegen Rauchspuren die sich über die Klimaanlage oder undichte Wände verbreiten.

Nichtraucherschutz Schweiz. Wir wollen zusammen die Rechte der Nichtraucher und Passivraucher ausbauen.